Wie hoch sollte der Notgroschen sein?
«Drei bis sechs Nettogehälter» ist die Antwort, die überall steht. Sie ist nicht falsch, aber sie ist auch keine Antwort — sie ist ein Mittelwert über viele Länder mit sehr unterschiedlichen sozialen Netzen.
Die richtige Höhe hängt von drei Dingen ab, die Ihre sind und nicht die des Durchschnitts: was tatsächlich gezahlt wird, wenn das Einkommen wegfällt, wie schnell das geschieht, und welchen Teil Ihrer Ausgaben Sie nicht herunterfahren können.
Frage eins: haben Sie Anspruch auf Arbeitslosengeld I?
Arbeitslosengeld I ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Versicherungsleistung mit Bedingungen. In der Regel brauchen Sie zwölf Monate versicherungspflichtige Beschäftigung innerhalb der letzten dreißig Monate.
Wer die Anwartschaft nicht erfüllt — nach längerer Selbstständigkeit, nach einer langen Auszeit, nach dem Berufseinstieg — landet direkt beim Bürgergeld. Und das ist etwas grundlegend anderes: es ist bedürftigkeitsabhängig, prüft Vermögen und berücksichtigt das Einkommen der Bedarfsgemeinschaft.
Zweiter Punkt, der oft überrascht: Das Arbeitslosengeld ersetzt nur einen Teil des bisherigen Nettoeinkommens — grob 60 Prozent, mit Kind 67 Prozent. Wer mit 100 Prozent seiner Ausgaben lebt, hat also auch mit Anspruch eine Lücke.
Und schließlich: Eine Eigenkündigung oder ein Aufhebungsvertrag kann eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen auslösen. Genau diese Wochen muss der Notgroschen überbrücken.
Frage zwei: wie lange ist Ihre Kündigungsfrist?
Die Kündigungsfrist ist bezahlte Zeit und gehört ins Netz. Gesetzlich verlängert sie sich mit der Betriebszugehörigkeit auf bis zu sieben Monate zum Monatsende; Tarifverträge regeln teils mehr.
In der Probezeit sind es dagegen meist zwei Wochen. Zwei Menschen mit gleichem Gehalt können also völlig unterschiedlichen Bedarf haben — der eine hat ein halbes Jahr Vorlauf, der andere vierzehn Tage.
Selbstständige und Freiberufler brauchen die größte Rücklage und haben meist die kleinste. Es gibt keine Frist, keine Abfindung und kein automatisches Netz — nur das, was aufgebaut wurde.
Frage drei: was kostet ein Minimalmonat?
Der Notgroschen soll nicht Ihren heutigen Lebensstandard tragen, sondern einen heruntergefahrenen Monat: Miete oder Rate, Nebenkosten, Lebensmittel, Versicherungen, Kranken- und Pflegeversicherung, Kita, Weg zur Arbeit, Medikamente.
Das sind typischerweise 60 bis 75 Prozent der heutigen Ausgaben. Diese Zahl wird multipliziert — nicht Ihr Gehalt.
Deshalb liegt «drei Nettogehälter» oft in beide Richtungen daneben. Bei hohem Gehalt und niedrigen Fixkosten ist es zu viel. Bei hoher Kreditbelastung und zwei Kindern ist es zu wenig.
Ihre Zahl berechnen
Minimalmonat mal Anzahl der Monate, die Sie allein tragen müssen:
- Unbefristet, Anwartschaft erfüllt, lange Kündigungsfrist: 3 Monate reichen meist.
- Probezeit, befristet oder Anwartschaft nicht erfüllt: 6 Monate als Untergrenze.
- Selbstständig oder freiberuflich: 6–12 Monate, plus eine getrennte Rücklage für Steuer und Krankenversicherung.
- Alleinerziehend mit einem Einkommen: mindestens einen Monat aufschlagen — es gibt kein zweites Einkommen, das eine Verzögerung abfängt.
Krankheit ist ein eigenes Szenario. Sechs Wochen zahlt der Arbeitgeber das Gehalt weiter, danach greift das Krankengeld — und das liegt deutlich unter dem Nettogehalt. Wer eine längere Erkrankung für möglich hält, sollte das Polster eher am oberen Rand ansetzen.
Wo das Geld liegen sollte
Ein Notgroschen hat eine Anforderung, die schwerer wiegt als Rendite: Er muss da sein, wenn er gebraucht wird. Also ein separates Tagesgeldkonto, taggleich verfügbar, ohne Bindung und ohne Kursrisiko.
Aktien und ETFs sind kein Notgroschen. Der Sinn ist ja, dass das Geld genau dann zur Verfügung steht, wenn es schlecht läuft — und schlechte Zeiten fallen erfahrungsgemäß mit schlechten Märkten zusammen.
Ein getrenntes Konto ist auch der Grund, warum das Geld in einem halben Jahr noch da ist. Auf dem Girokonto ist es kein Notgroschen, sondern nur ein höherer Kontostand.
So bauen Sie ihn auf
Die meisten scheitern nicht daran, dass sie zu wenig sparen, sondern daran, dass sie sparen, was übrig bleibt — und es bleibt selten etwas übrig.
Was funktioniert, ist ein Dauerauftrag am Tag des Gehaltseingangs auf ein Konto, das Sie im Alltag nicht sehen. Fangen Sie mit einem Betrag an, den Sie sicher entbehren können, auch wenn er klein ist.
Ein sinnvolles erstes Etappenziel ist ein Monat Minimalausgaben. Das ist die Schwelle, ab der eine Autoreparatur oder eine Zahnarztrechnung aufhört, ein Kredit zu werden.
Woran Sie merken, dass Sie am Ziel sind
Es gibt einen einfachen Weg und einen genauen.
Der einfache: Kontostand des Rücklagenkontos gegen Minimalmonat mal Monatszahl von oben.
Der genaue: tragen Sie ein, was Sie ohnehin wissen, und betrachten Sie zwölf Monate zusammen.
Genau dafür ist ZivaFinance gebaut. Die Zwölf-Monats-Prognose schreibt den Saldo Tag für Tag aus Ihren tatsächlichen Einnahmen und anstehenden Ausgaben fort. Sie sehen, welche Monate eng werden, bevor sie eintreten — und damit, wie viel Rücklage im Jahr realistisch aufzubauen ist.
Die App nutzt die Regel «das Konkrete schlägt das Budget»: Für jede Kategorie und jeden Monat zählt der höhere Wert aus Erfasstem und Budgetiertem, nie die Summe. Eine bekannte Großausgabe ersetzt also die Budgetzeile des Monats, statt sich zu ihr zu addieren — die Prognose bleibt richtig.
Ein schneller Test
Eine Frage sagt fast alles: Wenn das Einkommen morgen wegfiele, wie viele Monate kämen Sie ohne Kredit aus?
Wer die Antwort nicht kennt, sollte genau diese Zahl heute ausrechnen. Wer weiß, dass sie null ist, hat nichts falsch gemacht — das ist der Ausgangspunkt, und der erste Monat verändert am meisten.
Kurz gefasst
- Rechnen Sie mit einem Minimalmonat, nicht mit dem Gehalt — meist 60 bis 75 Prozent der heutigen Ausgaben.
- Arbeitslosengeld I setzt in der Regel zwölf Beitragsmonate in dreißig Monaten voraus und ersetzt nur rund 60 Prozent des Nettos.
- Eigenkündigung oder Aufhebungsvertrag können eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen auslösen — genau die muss die Rücklage tragen.
- Die Kündigungsfrist ist Teil des Netzes; in der Probezeit ist sie fast nicht vorhanden.
- Separates Tagesgeldkonto, taggleich verfügbar, kein Kursrisiko.
Häufige Fragen
Reichen drei Nettogehälter als Notgroschen?
Das hängt von Ihrem Netz ab. Unbefristet beschäftigt, Anwartschaft auf Arbeitslosengeld I erfüllt und mit langer Kündigungsfrist reichen drei Monate Minimalausgaben meist. In der Probezeit, ohne Anwartschaft, selbstständig oder als Alleinverdienende sollten es deutlich mehr sein.
Wann habe ich Anspruch auf Arbeitslosengeld I?
In der Regel, wenn Sie innerhalb der letzten dreißig Monate mindestens zwölf Monate versicherungspflichtig beschäftigt waren. Ist diese Anwartschaft nicht erfüllt, greift stattdessen das bedürftigkeitsabhängige Bürgergeld, bei dem Vermögen und Partnereinkommen angerechnet werden.
Was ist eine Sperrzeit und wie lange dauert sie?
Eine Sperrzeit ist ein Zeitraum ohne Leistung, den die Agentur für Arbeit verhängen kann, etwa bei Eigenkündigung oder einem Aufhebungsvertrag ohne wichtigen Grund. Sie kann bis zu zwölf Wochen betragen — genau diese Zeit muss aus eigener Rücklage überbrückt werden.
Soll der Notgroschen in ETFs liegen?
Nein. Er muss taggleich und ohne Kursrisiko verfügbar sein, denn er wird gerade dann gebraucht, wenn es schlecht läuft — und das fällt häufig mit fallenden Kursen zusammen. Ein separates Tagesgeldkonto ist der richtige Ort; langfristiges Anlegen ist eine andere Aufgabe.
Wie viel brauche ich als Selbstständiger?
Deutlich mehr: sechs bis zwölf Monate Minimalausgaben plus eine getrennte Rücklage für Einkommensteuer, Vorauszahlungen und die Krankenversicherung, die auch ohne Aufträge weiterläuft. Es gibt weder Kündigungsfrist noch automatisches Netz.